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Africa Rocks: „natürliche“ Lebensräume im Zoo von San Diego

Mit Africa Rocks erleben die Besucher des San Diego Zoo die Biodiversität des afrikanischen Kontinents fast wie auf einer Safari zu Fuß. Hier bilden nicht graue Betonlandschaften die Gehege, in denen Tiere hinter Gitterstäben ihr Dasein fristen. Vielmehr führt die neue, 68 Millionen Dollar teure Anlage durch unterschiedliche Landschaften. Der barrierefreie Blick auf die Tiere gibt das Gefühl, sich mitten im sorgsam der Natur nachempfundenen Habitat zu befinden. Ermöglicht wird dies durch eine kaum wahrnehmbare, filigrane Seilnetz-Konstruktion als einzige Trennung zwischen Mensch und Tier.

Auf 32.500 m² bietet die Ende 2017 eröffnete Anlage einmalige Einblicke in die natürlichen Lebensräume der unterschiedlichen Arten in sechs Biomen – vom äthiopischen Hochland über madagassische Wälder bis hin zur Küstenregion Südafrikas. Einen Teil des Geländes überspannt eine 6.500 m² große, transparente Edelstahl-Seilnetzkonstruktion aus „X-TEND“ von Carl Stahl Architektur. Der natürlichen, leicht ansteigenden Topografie folgend, spannt die Seilnetzkonstruktion gleichsam den Bogen über acht Einzelgehege, die sich entlang eines weitläufigen, geschwungenen Besucherweges aufreihen. Hier finden unterschiedliche Tierarten ein Zuhause, das ihren natürlichen Lebensräumen nachempfunden ist. Offene Grasflächen, Feuchtgebiete und Sumpfpflanzen bilden das Acacia-Woodland-Biom, das Leoparden, Meerkatzen und Vögel beherbergt. Geprägt von aufragenden Felsformationen sowie einem Wechsel von Dorn- und Laubwald, bildet das Madagaskar-Biom die Heimat von Ratel, Fossa und Lemur. Die minimierte Dachnetz-Konstruktion, die bis auf neun Innenpylone ohne zusätzliche sichtbehindernde Stützelemente auskommt, bildet eine dreidimensionale Netzstruktur und erzeugt eine maximal nutzbare Fläche unterhalb des Daches. Auf diese Weise fördern Zoogehege aus vorgespannten Edelstahlseilnetzen das natürliche Verhalten der Tiere, indem sie ihren Bewegungsspielraum in die dritte Dimension erweitern und Klettern bis unter das filigrane Seilnetzdach ermöglichen.

Mittendrin statt nur dabei

Besucher von Africa Rocks sind mitten im Geschehen. Dafür sorgen die zwischen Dachnetz und Boden verspannten Edelstahlseilnetze. Denn durch ihre filigrane und transparente Anmutung geben sie den Blick frei in die weitläufigen Gehege. Die Einzelbahnen der Wandnetze sind ohne sichtbare Stöße und zusätzliche Vertikal- oder Horizontalseile aneinander gefügt. So können die Besucher auf ihrem Weg entlang der Gehege von jeder Position aus ungehindert in die Anlagen blicken. Die Einzelgehege fügen sich harmonisch in die Topografie ein, die im Zusammenspiel mit Wegen, Brücken, Felsformationen und der Vegetation ein nahezu natürliches Habitat abbildet.

Africa Rocks setzt architektonische Maßstäbe

Leoparden in ihrer ganzen Anmut, von Baumkrone zu Baumkrone springende Lemuren, geschäftige Erdmännchen, bunte Vögel und Fossas, die wirken wie eine kuriose Mischung aus Hund, Katze und Mungo, sind die Stars von Africa Rocks. Vom Publikum trennt sie lediglich das feingliedrige Geflecht aus Edelstahlseilen. Kaum als solches wahrnehmbar, dient es der Begrenzung der acht weitläufigen Gehege und spannt sich zudem als transparentes, organisch geformtes Dach über dem Gelände auf. Getragen wird das große Dachnetz von lediglich neun stützenden Innenpylonen mit Lastverteilungsringen – eine in dieser Größe und Minimierung beeindruckende Konstruktion und ein Meilenstein in der modernen Zooarchitektur.

Paradigmenwechsel im Verhältnis Mensch zu Tier

Seit mehr als 150 Jahren lockt der exotische Reiz wilder Tiere Menschen in zoologische Gärten. Der Beweggrund für einen Zoobesuch ist heute wie damals der gleiche, stark gewandelt hat sich indes die Einstellung gegenüber dem Anschauungsobjekt Tier. Waren die „wilden Kreaturen“ in früheren Tagen eher ein Objekt der Neugier, betrachten wir sie heute als Lebewesen, denen wir mit Respekt und Sensibilität begegnen und deren Arterhaltung inzwischen zu den wesentlichen Aufgaben von Tiergärten gehört. Dieser Veränderung im Verhältnis von Mensch zu Tier tragen Zoos weltweit Rechnung. In vielen Tierparks entstehen neue Gehege, die bis ins Detail dem gewohnten Lebensraum der jeweiligen Art nachempfunden sind. Davon profitieren auch die Besucher. Denn die modernen Anlagen verwandeln den Zoo in eine aufregende Erlebniswelt, die neben den vielfältigen Tierarten auch lebendige Einblicke in exotische Landschaften bieten. Nicht zuletzt steigert die nachhaltige Zooarchitektur die Attraktivität von Tierparks. So freut sich auch der Zoo San Diego, der 2016 sein 100-jähriges Bestehen feierte, über stetig wachsenden Besucherzahlen.

Schützenswerter Baumbestand gekonnt integriert

Eine besondere Herausforderung war die Landschaftsplanung. Denn ein Großteil der wertvollen Bäume, die der alten Anlage aus den 1930er Jahren für die Bauzeit entnommen wurden, musste bereits während der Netzmontage wieder eingepflanzt werden. „Insgesamt wurden auf der gesamten Anlage rund 800 Bäume gepflanzt, davon etwa 150 unterhalb der Netzfläche“, sagt Architekt Wolfgang Betzler, Leiter des technischen Büros von Carl Stahl Architektur. „Da die Bäume bis zu acht Meter hoch sind, war ein nachträgliches Einbringen nicht möglich.“

Das erforderte eine exakte Abstimmung mit den Landschaftsgärtnern. Dass sich unter den Pflanzen auch besonders schützenswerte Exemplare wie ein über Jahre gewachsener und als Vogelnistbaum dienender Kameldorn befanden, die auf keinen Fall Schaden nehmen durften, machte die Sache nicht einfacher. An einer Birkenfeige mit einem Kronendurchmesser von mehr als 40 m am nördlichen Ende der Seilnetzkonstruktion mussten die Planer die Dachnetzfläche in weitem Bogen herumführen, um den alten Baum in seinem Wuchs nicht zu behindern.

Montage in bis zu 15 m Höhe

Je nach Tierart haben die Wandnetze der Einzelgehege eine Maschenweite von 25 bis 50 mm, das Hauptdachnetz von 100 mm. Um zu verhindern, dass von oben kleine Nager und Vögel in die Gehege eindringen können, wurde auf die Haupt-Dachnetzfläche im Bereich jedes Einzelgeheges eine zweite Netzebene aufgebracht. „Diese Überlagerung der Netzfläche haben wir eigens für das Africa Rocks-Projekt entwickelt“, so Wolfgang Betzler. Das stellte auch die Monteure vor eine besondere Herausforderung: In großer Höhe bis zu 15 m über dem Boden mussten sie auf dem Haupt-Dachnetz stehend bzw. kniend die feinmaschigen Netze auflegen, spannen und an die Randseile montieren.

„Damit die Gewerke beim Bau reibungslos ineinandergreifen konnten, haben wir für das Projekt eigens eine spezielle Montagetechnik entwickelt, die den sonst üblichen Einsatz von Flächengerüsten und anderen Montagehilfsmitteln wie Krane und Hubsteiger erheblich reduziert hat“, sagt Projektleiter Vito Gualazzini. „So konnten wir sicherstellen, dass beispielsweise die Landschaftsgärtner ihre Arbeiten während der neunmonatigen Bauphase parallel ausführen konnten, damit am Ende alles zusammen passt.“

Spinnennetz als Vorbild

„Vorgespannte Seilnetz-Konstruktionen aus X-TEND sind optimal geeignet für die moderne Zooarchitektur“, so Gualazzini. Der 42-jährige Bauingenieur begleitete das Projekt Africa Rocks von den ersten Gesprächen mit den Zooverantwortlichen und Architekten vor über drei Jahren zur finalen Abnahme und Übergabe der funktionsfähigen Anlage an den Bauherrn. „Sie verbinden Sicherheit und Ästhetik, sind widerstandsfähig und langlebig und bieten durch ihre transparente Struktur nahezu barrierefreie Ein- und Ausblicke“, sagt der Bauingenieur. Als Vorbild dient den Planern dabei passenderweise die Natur: Wie ein Spinnennetz nimmt das Flächentragwerk den natürlichen Kraftverlauf auf. Die Verbindung aus robusten Edelstahlseilen zu einem Netzwerk aus kraftschlüssig verpressten Rauten schafft eine besondere, flexible Seilnetzstruktur, die starke Lasten aufnimmt und vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten erlaubt. „Letztlich dreht sich alles darum, die wirkenden Kräfte in Gleichklang zu bringen“, erklärt Gualazzini. Formal minimiert bilden die Leichtbauten eine eigene Formensprache, die sich stets orientiert an den Anforderungen von Tierart, Topographie, Nutzbarkeit und Besucherattraktivität.

Marlene Thimet, bei Carl Stahl Architektur verantwortlich für die technischen Entwürfe im Bereich Zooarchitektur, erklärt:

„Gemeinsam mit Zoos und Architekten weltweit entwickeln wir organisch geformte Netzkonstruktionen, bis ins Detail an die jeweils unterschiedlichen Anforderungen angepasst. Dabei berücksichtigen wir stets auch die Ansprüche des täglichen Betriebs und integrieren Revisionsöffnungen, Tierschleusen, Bäume und Bepflanzung, Kletter- und Ruheplätze sowie natürlich auch die Ein- und Ausgänge für die Tierpfleger“.

Thimet hat auch das Seilnetztragwerk in San Diego konzipiert: „Die Gehege sind das Ergebnis unserer jahrelangen Erfahrung und sorgfältigen technischen Planung, präziser statischer Berechnungen und schließlich auch des Know-hows in Sachen Montage vor Ort.“ Die Planung und statische Berechnung der Anlage gelingt nicht nur dank spezieller, hochmoderner Softwareprogramme. Vielmehr setzt Carl Stahl Architektur auch auf den klassischen Architekturmodellbau.

Thimet sieht darin entscheidende Vorteile:

„Für mich ist das Modell sowohl Entwurfsmittel, das es mir erlaubt, die optimale Form des Netzes zu ermitteln, als auch Visualisierungshilfe für den Auftraggeber. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Zooverantwortlichen durch ein haptisch erfahrbares Modell, um das sie herumgehen und es aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können, eine optimale Vorstellung der geplanten Anlage bekommen."

Für Carl Stahl Architektur ist das Projekt im San Diego Zoo die bislang größte realisierte Zooanlage in seiner weltweiten Tätigkeit. Rund 17.000 m² Netz wurden verbaut, mit einem reinen Materialgewicht von etwa 6,5 t.

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  • Product-ID
    7588
  • Erstellt am
    18.04.2018
  • Geändert am
    18.04.2018