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Begrünte Dächer – gut geplant mit nachhaltiger Wirkung

In Deutschland werden Dachbegrünungen schon seit über 30 Jahren professionell ausgeführt und mittlerweile jährlich ca. 6-8 Millionen m² Dachfläche neu begrünt. Einer FBB-internen Umfrage zufolge bestätigt sich ein gefühlter Trend: Der Flächenanteil an intensiven, d. h. nutzbaren, Dachbegrünungen steigt - von 11 % im Jahre 2008 auf 17 % in 2010.

In Deutschland spielen für die Dachbegrünung zwei Gesetzesvorgaben eine große Rolle: die Eingriffs-Ausgleichs-Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes und die Entwicklung der Berechnung der Abwassergebühren, die früher oder später in allen Bundesländern durch eine gesplittete Abwassergebühr erhoben werden. In der Praxis heißt das, dass viele Dächer aufgrund von Bau- und Naturschutzauflagen begrünt werden müssen und immer mehr Dächer freiwillig begrünt werden, weil Niederschlagswassergebühr eingespart werden kann.

Die letztjährige Umfrage von Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU) und Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e. V. (FBB) bei allen deutschen Städten ab 10000 Einwohner (1488 Städte) hat ergeben, dass 377 Städte eine gesplittete Abwassergebühr haben (werden) und davon etwa 60 % die Dachbegrünungen gebührenmindernd berücksichtigen. Fast 200 Städte setzen Dachbegrünungen in ihren Bebauungsplänen (B-Plan) fest.

Zweite Nutzung des Bauplatzes

Der Bauplatz ist schon bezahlt und eine "Zweit-Nutzung" auf dem Dach bietet sich ohne zusätzliche Grundstückskosten an. Wenn in der Planung Statik, Anschlusshöhen, Wasseranschluss und Absturzsicherung berücksichtigt werden, kann auf dem Dach ein nutzbarer Dachgarten entstehen, der alles vorweisen kann, was ebenerdig auch möglich ist: Stauden und Gehölze, Terrassen, Sandkästen, Spieleinrichtungen. Und wenn es "sportlich" werden soll, sind auch Swimming Pool, Lauf- und Sprintbahnen, Fußball- und Basketballfelder möglich. Wer also etwas für seine Gesundheit tun möchte und Bewegung auch in der Großstadt sucht, muss nicht weit ins Umland fahren, sondern geht ein paar Stockwerke höher auf das Dach. Es gibt Beispiele, bei denen sich im Gebäude Arztpraxen und Fitnessstudios und auf dem Dach eine Laufbahn oder auf einem Turnhallendach eine Sprintbahn befinden. Und die Kosten für eine genutzte Dachbegrünung mit Sport- und Spieleinrichtungen liegen in Ballungszentren meist deutlich niedriger als der Bauplatz, den man dafür hätte nebenan erstehen müssen – wenn weitere Nutzflächen überhaupt zur Verfügung stehen. Die EnBW geht sogar noch einen Schritt weiter und bietet auf ihrem Verwaltungsgebäude EnBW-City in Stuttgart Arbeitsplätze auf dem Dach an, umgeben von Buchshecken und Blick auf eine blühende Extensivbegrünung.

Wirkungen begrünter Dächer

Die vielen positiven Wirkungen und Funktionen begrünter Dächer sind in den meisten Bereichen erforscht und mit Zahlen hinterlegt:

  • Schutz der Dachabdichtung
  • Wärmedämmung im Winter und Hitzeschild im Sommer
  • Erhöhung des Wirkungsgrades von Photovoltaikanlagen
  • Wasserrückhaltung und Minderung der Spitzenabflüsse
  • Verbesserung des Umgebungsklimas
  • Ökologische Ausgleichsflächen
  • Verbesserung der Luftschalldämmung
  • Filterung von Luftschadstoffen und Feinstaub. Minderung von Elektro-Smog
  • Verbesserung des Arbeits- und Wohnumfeldes, zusätzliche Wohn- und Nutzflächen
  • Aufwertung der Gebäudearchitektur, Imagewerbung, "Grün am Bau"

Begrünte Dächer als Bestandteil des nachhaltigen Bauens

Nachhaltiges Bauen heißt, Umweltgesichtspunkte gleichberechtigt mit sozialen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu berücksichtigen, damit nachfolgenden Generationen ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen werden kann. Ziel ist das Erreichen einer hohen Gebäudequalität mit möglichst geringen Auswirkungen auf die Umwelt. Die Beurteilungs- bzw. Bewertungsmaßstäbe der Nachhaltigkeit von Gebäuden beziehen sich auf drei vorrangige Schutzziele: 1. Ökonomie, 2. Ökologie, 3. Soziales und Kulturelles. Wie steht die Dachbegrünung dazu?

Ökonomie

  • Rentabilität einer Dachbegrünung. Die bisher durchgeführten Kosten-Nutzen-Analysen lassen sich zwar aufgrund unterschiedlicher Ausgangsdaten nicht direkt miteinander vergleichen, doch in einem Punkt sind sich alle Autoren einig – begrünte Dächer rechnen sich früher oder später. Die nachfolgend angeführten Punkte betreffen direkt oder indirekt die mögliche Kosteneinsparung durch eine Dachbegrünung.
  • Schutz der Dachabdichtung vor Extrembeanspruchung bei Spitzentemperaturen im Sommer und Winter und vor Wind- und Witterungseinflüssen wie Sturm, Hagel, UV-Strahlung – damit verlängerte Lebensdauer der Dachabdichtung gegenüber der unbegrünten Variante. Fachleute sprechen von einer doppelt so langen Zeit ohne Reparaturen oder Komplettsanierungen.
  • Wärmedämmleistungen im Winter und Hitzeschild im Sommer und damit ein Beitrag zur Energieeinsparung, auch wenn (noch) nicht mit Zahlen anrechenbar.
  • Erhöhung des Wirkungsgrades von Photovoltaikanlagen bei der Kombination mit einer Dachbegrünung.
  • Wasserrückhaltung (je nach Begrünungsart jährlich 30-99 % des Niederschlags) und Minderung der Spitzenabflüsse (je nach Begrünungsart bis zu 100 %). Damit Entlastung der Kanalisation mit den verbundenen Einsparungspotentialen bei der Rohr- und Kanaldimensionierung, Einsparung von Regenrückhaltebecken und mögliche Gebührenminderung.

Ökologie

  • Ökologische Ausgleichsflächen und Ersatz-Lebensräume für Tiere. Anerkannte Minderungsmaßnahme bei der Eingriffs-Ausgleichsregelung.
  • Je nach Begrünungsart und Vegetationsform sind dauerhafte Lebensräume mit hoher Artenvielfalt in Flora und Fauna bzw. temporäre Rückzugsbiotope für Wildbienen, Schmetterlinge usw. möglich.
  • Ausgewählte Gründachsysteme mit ausgeglichener Ökobilanz, Produkte natürlichen Ursprungs bzw. aus Recyclingmaterial und einem dezentralen Substratkonzept, um Transportwege zu minimieren.

Soziales

Die "Lebensqualität" ist durch das Begrünen von Dächern direkt und indirekt beeinflussbar:

  • Durch die Verdunstung des gespeicherten Wassers ergibt sich eine Verbesserung des Umgebungsklimas: Kühlung und Luftbefeuchtung.
  • Verbesserung der Luftschalldämmung aufgrund der größeren Schwingungsträgheit der Gesamtfläche und gute Schalladsorption wegen der Struktur der Vegetation.
  • Filterung von Luftschadstoffen und Feinstaub und Minderung von Elektrosmog.
  • Verbesserung des Arbeits- und Wohnumfeldes für die Menschen, insbesondere bei einseh- bzw. begehbaren Dachbegrünungen und Schaffung von zusätzlichen Wohn- und Nutzflächen.

Richtlinien zur Dachbegrünung und Normen zur Dachabdichtung

Schon früh, in den Anfängen der Dachbegrünung in Deutschland, wurden Untersuchungen in den verschiedensten Themenbereichen vorgenommen und diese Erkenntnisse und Praxiserfahrungen in den Richtlinien zur Planung, Ausführung und Pflege von Dachbegrünungen, kurz: Dachbegrünungsrichtlinie, der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL) als Stand der Technik zusammengefasst. Damit sind die begrünten extensiven und intensiven Dächer ausreichend behandelt, doch in Deutschland trägt man der aktuellen Entwicklung genutzter Dächer Rechnung und die FLL hat 2005 erstmals auch die Empfehlung zu Planung und Bau von Verkehrsflächen auf Bauwerken veröffentlicht. Die Hinweise zur Pflege und Wartung begrünter Dächer von FLL, BGL, ZVDH, FBB ergänzen die Schriften zur Dachbegrünung. Für den Bereich Dachabdichtung sind besonders zu beachten die Flachdachrichtlinien des ZVDH und die DIN 18531 (bei Extensivbegrünungen) bzw. DIN 18195 (bei Intensivbegrünungen). Ergänzend dazu sind auch die FBB-SchlagLichter der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e. V. (FBB) zu beachten, beispielsweise zu den Themen Druckentwässerung, Absturzsicherung und Plattenbeläge auf Dächern.

Planungsgrundlagen

Die wichtigsten zu beachtenden Planungshinweise sind in Tabelle 1 zusammengefasst.

Absturzsicherung ist Arbeitssicherheit

Bauherren, Planer sowie ausführende Betriebe müssen sich in allen Phasen der Wertschöpfung eines Gebäudes mit dem Thema Arbeitssicherheit auseinandersetzen. Jeder Beteiligte am Bau ist dabei selbst in der Verantwortung. Jegliches Arbeiten auf dem Dach ohne kollektive Schutzeinrichtungen darf grundsätzlich nur von qualifiziertem und geschultem Personal durchgeführt werden. Die angeführten Punkte sind u. a. nachzulesen im FBB-SchlagLicht – Leitfaden zur Absturzsicherung.

  • Die gesetzlichen Vorgaben greifen erst bei Absturzhöhen ab 3 m und bei Tätigkeiten im Randbereich/an der Absturzkante (innerhalb von 2 m). Ist der Tätigkeitsbereich weiter als 2 m von der Absturzkante entfernt, müssen keine Absturzsicherungsmaßnahmen ergriffen werden, jedoch der Gefahrenbereich zumindest optisch abgesperrt (z. B. Kette) werden.
  • Es gibt eine gesetzlich vorgeschriebene "Hierarchie" zur Verwendung bestimmter Sicherungseinrichtungen, dem kollektiven Gefahrenschutz muss dabeiVorrang vor dem individuellen Gefahrenschutz eingeräumt werden:
  • Absturzsicherungen (z. B. Abdeckungen, Geländer, Seitenschutz)
  • Auffangeinrichtungen (z. B. Schutznetze, Schutzwände, Schutzgerüste)
  • individueller Gefahrenschutz (Verwendung von persönlicher Schutzausrüstung an Anschlageinrichtungen)
  • Bauherren-Verantwortung für Planung und Kostenbereitstellung

Erwähnenswert sind die innovativen Produktlösungen, bei denen die Geländer bzw. Anschlagpunkte durch Auflast der Begrünung gehalten werden und somit nicht in die Dachabdichtung und Baukonstruktion eingegriffen werden muss.

Klimawandel und Auswirkungen auf das Gründach: Dränage und Verwehsicherheit
Das Klima hat sich verändert und den immer häufiger auftretenden Starkregenereignissen und stärkeren Winden muss auch die Dachbegrünung Rechnung tragen. So muss die Dränage ausreichend dimensioniert und vor allem auch bei einer Punktentwässerung der Übergang Flächendränage zum Ablauf beachtet werden. Es gibt mittlerweile im Windkanal geprüfte Begrünungssysteme und daraus abgeleitet Minderungsfaktoren. Diese kommen dann zum Tragen, wenn die Dachabdichtung im Untergrund lagesicher befestigt ist und das Gründachpaket erheblicher leichter ausgebildet werden kann. Maßnahmen zur Verwehsicherheit (vor allem in den Eck- und Randbereichen) sind die Verwendung von vorkultivierten Vegetationsmatten, mit Kies verfüllte Rasengittersteine und Kiesstreifen.

Zusammenfassung

Begrünte Dächer vereinen eine Vielzahl an positive Wirkungen, die sich je nach den örtlichen Gegebenheiten nachweisbar rechnen können. Dachbegrünungen gehören zweifelsohne zu den Konzepten eines nachhaltigen Bauens. Für die fachgerechte Planung und Umsetzung von Dachbegrünungen gibt es Richtlinien. Es kann festgehalten werden, dass begrünten Dächer - in Ökologie und Ökonomie – Perspektiven haben.

Die wichtigsten Planungshinweise zur Dachbegrünung (Planungs-Checkliste Dachbegrünung)

(1) Wurzelschutz/Dachabdichtung

  • Wurzelfest nach FLL-Dachbegrünungsrichtlinie oder DIN EN 13948
  • der Nutzungsform angepasste Qualität
  • Anschlüsse, Anschlusshöhen
  • flächendeckend
  • gegebenenfalls zusätzliche Maßnahmen bei rhizombildenden Pflanzen

(2) Zusätzliche Flächenlast

  • durch die Dachbegrünung
  • durch Verkehrslasten bei genutzten Dachterrassen

(3) Gefälle/Dachneigung

  • bei Extensivbegrünungen ohne Gefälle auf Pfützenbildung achten und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen einplanen
  • ab 15° Dachneigung sind Schubsicherungsmaßnahmen gegen das Abrutschen des Gründachaufbaus zu ergreifen
  • bei Intensivbegrünung mit Wasseranstau 0°-Dach wählen
  • begeh- und befahrbare Dächer benötigen ein Mindestgefälle von 2-3 %

(4) Windsoglast und Verwehsicherheit

  • vor allem bei hohen bzw. windexponierten Gebäuden

(5) Brandschutzvorschriften

(6) Entwässerung

  • ausreichende Anzahl der Dachabläufe
  • ausreichend dimensionierte Dränageschicht

(7) Schichtaufbau Gründach

  • je nach Pflanzenziel bzw. Nutzungsform

(8) Wasseranschluss

  • zur dauerhaften Bewässerung von Intensivbegrünungen
  • zur Startbewässerung von Extensivbegrünungen

(9) Absturzsicherung

  • ab 3 m Absturzhöhe
  • Verpflichtung des Bauherrn bzw. Planers
  • Bau- und Nutzungsphase

(10) Zugang zum Dach

  • zu Pflege- und Wartungszwecken

(11) Abstimmung mit anderen Gewerken

  • Kombination Photovoltaik/Gründach
  • Kombination Gründach und Brauchwassernutzung

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  • Erstellt am
    30.04.2012
  • Geändert am
    10.03.2016