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Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg - Neukonzeption und Sanierung Hochhaus und Dokumentation

Das 1972 eingeweihte Hauptgebäude des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (DKFZ) war nach 30 Jahren intensiver Nutzung dringend erneuerungsbedürftig. Das Büro Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten hat den Sanierungsbedarf als Chance gesehen und zum Anlass genommen, das Konzept neu zu denken und eine neue Forschungslandschaft zu entwickeln, die heutigen und zukünftigen Ansprüchen wieder gerecht werden kann.

Die Errichtung des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, heute die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland, geht zurück auf die Initiative des Mediziners und Krebsforschers Prof. Dr. Karl Heinrich Bauer. Sein Ziel war es, auf dem Gebiet der Krebsforschung hoch spezialisierte Fachdisziplinen unter einem gemeinsamen Dach zusammenzuführen und damit eine umfassende Behandlung des Krebsproblems zu gewährleisten.

Im Vorfeld der 1962 erteilten Zustimmung des Ministerrates des Landes Baden-Württemberg zur Errichtung eines solchen Zentrums wurden 1961 von Erwin Heinle und Robert Wischer erste Vorentwurfsuntersuchungen angestellt. Dieser Auftrag markiert den Beginn einer Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und den Architekten Heinle, Wischer und Partner, die bis heute andauert.

Für die sieben Forschungsinstitute Biochemie, Experimentelle Pathologie, Experimentelle Toxikologie und Chemotherapie, Virusforschung, Zellforschung und Nuklearmedizin entstand in den Jahren 1968 bis 1972 ein eng gefügtes Ensemble, bestehend aus dem zentralen Hochhaus, der Radiologie, dem Reaktorgebäude, einem Werkstattgebäude, dem Tierhaltungsgebäude und dem Dokumentationsgebäude für Information und Statistik.

Entscheidung zur Neukonzeption

Nach 30 Jahren intensiver Nutzung waren die Möglichkeiten räumlicher Anpassung im Deutschen Krebsforschungszentrum ausgeschöpft. Die Aufgabenstellungen und Arbeitsmethoden der Krebsforschung hatten sich seit der Entstehung des Komplexes komplett verändert und mit ihnen der Anspruch an die Arbeitsplätze und Labore. Die Räume funktionierten nicht mehr. Das ehemals innovative Konzept war abgenutzt und der Sanierungsbedarf so groß wie nie. In einer 1999 beauftragten Studie zur Gesamtsanierung des Hochhauses wurde klar, dass diese nicht mit konventionellen Rezepten umsetzbar war. Die auf der Hand liegende Lösung einer Renovierung, also Erneuerung der Komponenten unter Beibehaltung der alten Struktur, hätte in eine Sackgasse geführt. Das Problem der räumlichen Enge wäre nicht nachhaltig gelöst und die Chance einer grundlegenden Neuordnung nicht genutzt worden. Das vorhersehbare Ergebnis wäre von unterdurchschnittlicher Qualität gewesen.

So wurde statt einer Sanierung eine Neukonzeption entwickelt, bei der neben der Entstehung einer neuen Forschungslandschaft die Aspekte Energiekonzept, Gebäudetechnik und Brandschutz integrativ statt reaktiv gelöst werden.

Die neue Laborlandschaft

Den umfangreichsten Eingriff in das bestehende architektonische Gefüge stellte die Neuorganisation der Regelgeschosse dar. Aufgabe war die Optimierung der Flächennutzung durch die Zentralisierung der Spülküchen und Isotopenlabore und die Schaffung flexibler Laborräume, in der unterschiedliche Sicherheitsbereiche und die große Anzahl an Arbeitsgruppen abgebildet werden können. Die Etagenzonierung war dabei das wichtigste Instrument, um die verschiedenen Funktionen ausgewogen zu berücksichtigen und sowohl eine klare, flexible Struktur, als auch eine wirtschaftliche Umsetzung zu gewährleisten.

Die ursprünglich dreibündige Anlage mit ihren zwei parallel angeordneten Gängen und den dazwischen platzierten "gefangenen" dunklen Räumen wurde zweibündig umgesetzt mit einem einzigen Gang. Auf jeder Etage wurden zwei zusammenhängende Laborlandschaften geschaffen mit einer Tiefe von 15 m und einer Länge von 45 m. Drei Labormodule (200m²) und zwei Sondermodule (95m²) für Zellkulturinfrastruktur sind darin integriert. Diagonal angeordnet, verzahnen sie sich mit einer zentralen Büro- und Kommunikationszone. An den Gebäudeenden wurde jeweils eine Sonderzone für die zentralen Funktionen vorgesehen.

Der frühere Flur der Dreibundanlage wurde als interner Laborflur ausgebildet, der nun alle Einheiten miteinander verbindet. Die Flexibilität der Laborflächen wurde durch Labormodule und fixe Wandstrukturen erreicht. Die Türen in den Begrenzungswänden ermöglichen die bedarfsgerechte Abtrennung von unterschiedlichen Sicherheitsbereichen.

Die Labormodule sind in der Tiefenentwicklung zoniert. An der Fassade befinden sich mit Glaswänden abgetrennte Schreibbereiche, dann folgt die Trockenarbeitszone und nach dem internen Laborflur sind eine Infrastrukturzone mit Laborbecken, Laborabzügen und Lagermöglichkeiten sowie eine Nebenraumzone mit Geräte- und Kühlräumen angeordnet. Im Zugangsbereich jedes Labormoduls sind Handwaschbecken, Kittel- und Notfallschrank integriert, so dass alle Module als S2-Sicherheitsbereiche betrieben werden können.

In den Sonderzonen wurden drei Spülküchen gebaut, die über ein Kastentransportsystem verbunden sind und über das auch die Spülgutverteilung erfolgt. Die Anzahl der benötigten Reinigungsmaschinen wurde um 60 % reduziert mit gleichzeitiger Erhöhung der Verfügbarkeit. In den anderen Sonderzonen sind Isotopenbereiche und Tiefkühllagerräume angeordnet. Die Fassade wurde energetisch optimiert und optisch umgestaltet. Die massiven Betonbrüstungen sind filigranen Stahlgeländern gewichen. Das Gebäude wirkt dadurch leichter und erhält mehr Tageslicht. Durch die erhöhte thermische Behaglichkeit hat sich die Arbeitsplatzqualität verbessert.

Orientierung und Kommunikation

Das Wegesystem ist kurz und logisch und wird durch das Farbkonzept unterstützt. Jedes Geschoss hat eine andere Leitfarbe auf der Laborseite erhalten, während die Seite der Büros immer weiß ist. Am Ende einer Wegführung ist stets der Blick nach außen möglich.

In den Obergeschossen wurden Kommunikations- und Aufenthaltsbereiche mit Besprechungsräumen, Bereichsbibliothek und Teeküche etabliert. Die frei eingestellten Raumboxen aus einer Plexiglas- und Holz-Einhausung dienen als Treffpunkt für die einzelnen Abteilungen auf jedem Geschoss. Die windmühlenartige Wegeführung führt jeden Mitarbeiter auf dem Weg zum Labor oder Büro an dieser Zone vorbei, um Begegnungen und Austausch zu fördern.

Administration und Vorstand

Die Offenheit der Kommunikationsräume im Hochhaus setzt sich als Leitidee in den Vorstandsräumen des Dokumentationsgebäudes fort. Im neu aufgesetzten obersten Geschoss gruppieren sich Büros und Konferenzzimmer um einen zentralen Raum mit flexibler Nutzung. Er lässt sich sowohl weit öffnen als auch komplett verschließen durch große Glasschiebeelemente mit einstellbarem Sichtschutz.

Die Büros und Konferenzzimmer liegen an der Fassade und sind durch Glasscheiben voneinander und vom Flur getrennt. Dadurch reicht das Tageslicht über die gesamte Geschosstiefe und der übliche Gangeffekt wird vermieden, auch bei künstlicher Beleuchtung am Abend. Der Einsatz von hochwertigem Material – hauptsächlich Holz – und die aufwendige Oberflächengestaltung verdeutlichen die hohen Ansprüche der Forschungsinstitution an die eigene Arbeit und manifestieren baulich das maßgebliche Prinzip der Transparenz.

Foyer mit Ausstellung

Aus dem ehemals beengten Eingangsbereich des Hochhauses ist eine großzügige und helle zentrale Kommunikationszone für die Mitarbeiter und Gäste des DKFZ entstanden. Zusätzlich zum Haupteingang an der Südseite wurde das Foyer auch von der Nordseite für Mitarbeiter zugänglich gemacht. So gelingt eine bessere Verteilung des Personals auf die beiden Treppenhäuser und die optimale Auslastung der Aufzüge. Der durch die Verlegung der Gebäudeleittechnik mögliche freie Blick bis in den Innenhof zwischen Hochhaus und Dokumentation erleichtert die Orientierung. Ein Café und eine Ausstellung laden zum Aufenthalt ein.

Resümee

Die Herausforderungen unserer Arbeit lagen im Umgang mit den Unwägbarkeiten. Insolvenzen, Ausfälle ausführender Firmen und Bauschäden haben den Bauablauf bestimmt. Die Aufgabenstellung war nichts für Theoretiker und "Formalfundamentalisten", sondern forderte ganz im Gegenteil auf Planer- und Bauherrenseite eine klare Kommunikation und ein möglichst einfaches, auf Praktikabilität ausgerichtetes und unmittelbares Handeln. Nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts wurde der planerische Ansatz überprüft mit dem Ergebnis, dass auch der zweite Bauabschnitt genau so umgesetzt werden soll.

Das Projekt wurde ein Erfolg. Die Auszeichnung beim Hugo-Häring-Preis 2011 stellte eine zusätzliche Belohnung des Engagements von Bauherrn, Nutzer, Fördergeber, prüfenden Behörden, Planern und Ausführenden dar.

Weiterdenken

Aus heutiger Sicht kann der damals eingeschlagene Weg in seiner Richtigkeit voll und ganz bestätigt werden: Die angestrebten Ziele wurden erreicht und übertroffen, sodass die zukünftigen Aufgaben nicht mit Sorge, sondern mit hohen Erwartungen angegangen werden. Das gegenwärtige Konzept entspricht den heutigen Anforderungen der Wissenschaft und hat die Nutzungseffizienz wesentlich verbessert. Trotzdem bleibt eine Raumnot in gewissem Maße bestehen – weitere Umbauten, Sanierungen und Erweiterungen werden also nötig sein. Die kontinuierliche Entwicklung in der Forschungsarbeit erfordert ein kontinuierliches Weiterdenken in der Planung.

Bautafel - Deutsches Krebsforschungszentrum, Heidelberg

Bauherr: Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg – Stiftungsvorstand
Architekt: Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten, Stuttgart
Technische Gebäudeausrüstung: JMP Ingenieurgesellschaft mbH, Stuttgart
Laborplanung: dr. heinekamp Labor- und Institutsplanung, Karlsfeld
Kosten Bauwerk: 22,1 Millionen €
Kosten Technik: 30,9 Millionen €
Bruttogrundfläche: 42.180m²
Bruttorauminhalt: 158.840 m³

  • Über diese
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  • Product-ID
    6326
  • Erstellt am
    07.06.2013
  • Geändert am
    27.11.2014