• de
  • en
  • fr
  • Internationale Datenbank für Ingenieurbauwerke

Die Stücki in Basel-Kleinhüningen ‒ das erste große Einkaufszentrum der Nordwestschweiz

Die Stücki sollte Vieles zusammen bringen. Als das erste große Einkaufszentrum der Nordwestschweiz weit über die Kantonsgrenzen und die noch näheren  Landesgrenzen hinaus zu strahlen und zugleich in Kleinhüningen Wurzeln zu finden. Kleinhüningen hat die Stücki schon mit offenen Armen aufgenommen, als es um die politische Akzeptanz ging. Ein außergewöhnliches Klima gegenseitiger Wertschätzung hat das Projekt getragen, wenn es darum ging, das Gebäude und seine  städtebauliche und landschaftsräumliche Wirkung an der Wiesenpromenade oder ganz anders, die architektonische Wirkung an der industriell geprägten Badenstraße einzumessen. Der Ort als Zeugnis gesellschaftlicher Entwicklungen war die Voraussetzung des architektonischen Handelns.

Der Entwurf ist vom Ort bestimmt. Kleinhüningen mit seinem industriellen Erbe hat dem Projekt in einer neuen, übersteigerten Form Ausdruck verliehen. Die übergreifenden Dimensionen, welche die Stücki von innen heraus entwickeln sollte, um weit auszustrahlen, wurzeln in der industriellen Geschichte der Stücki (Stückfärberei), dem urbanisierten Landschaftsraum der Wiese, des Flusses, und in der Nachbarschaft derWohnquartiere Klybeck und Kleinhüningen. Die Dimensionen und das Programm des neuen Einkaufszentrums sind eindrücklich, aber die Volumen so, dass sie nicht maßlos erscheinen. Das große Bauwerk sollte sich ungezwungen entfalten, nirgendwo eine Enge erzeugen. Trotz seinem monumentalen Ausdruck dominiert das 370 m lange Bauwerk mit seinen vier Türmen, von denen jeder einzelne die Dimension eines Hochhauses erreicht, seine Umgebung nicht.

Anders als in den Einkaufszentren der Peripherie oder auf der grünen Wiese, die inmitten endloser Parkfelder gestrandet zu sein scheinen,werden sämtliche Fahrzeuge in einer Tiefgarage untergebracht und das neue Bauvolumen wie die traditionellen Stadthäuser in den Kontext der ganz besonderen urbanen Struktur eingefügt.

An der Hochbergerstraße, wo zuvor die unwirtliche Atmosphäre einer Industriebrache herrschte, ist ein neuer städtischer Platz entstanden, den die Architekten in Basel so noch nicht kannten. Die Südfassade mit den Pflanzenregalen und die in Weiß gehaltene Fassade des Hoteltrakts, von suggestiver Plastizität und dennoch radikal abstrakt, fassen hier mit der Baumallee der Wiesenpromenade einen neuartigen, markanten Freiraum. Wie andere neu inszenierte Stadträume – beispielsweise die Brauerei Warteck nahe der Grenze zu Riehen und Grenzach– wird auch dieser Ort seinen festen, eigenständigen Platz im Bewusstsein der Stadt finden.

Straße und Basilika

Der Raum der Mall ist von zwei Referenzen durchdrungen – archetypischen Räumen, die schon seit der Antike die Erfahrung städtischen Handels bestimmen: die Straße und die Basilika. Die Basilika steht als Urform des Hallenraums für den städtischen Markt. In der Mall sind Halle und Straße zu einem neuen Ganzen verschmolzen. So sind die Wände wie auch die Stützen zwischen den Läden aus Kunststein, welcher den Elementen eine gedämpfte, schwarz-grüne Farbe verleiht. Sie soll an frühe elegante Malls des Art Déco erinnern und als Hintergrundfarbe das Bild der öffentlichen Straße stärken. Der Blick wird beim Einkaufen und Flanieren auf jedes einzelne Ladenlokal mit seinen besonderen Auslagen und seinem eigenen Licht konzentriert. Dazu ist eine besondere Lichtregie nötig, die das Tageslicht auf den öffentlichen Raum der Mall fokussiert und die Farbtemperatur des Tageslichts punktuell lebendig unterstützt. Die Läden sind dagegen in ein anderes, warmes Licht getaucht und stehen in Kontrast zum Raum der belebten Straße, die wie im Schatten liegt und eine Fülle von Auslagen offeriert.

Trotz der suggestiven Wirkung der Geschäfte soll der Besucher nicht die Beziehung zu den Stadträumen verlieren, die ihn real umgeben. Riesige Fenster ergeben von innen Ausblicke, wie man sie in industriellen Gebäuden aus offenen Hallentoren kennt. Großzügig setzen sie Innen und Außen in Beziehung, indem sie trotz funktionaler Trennung visuell miteinander verbunden sind.

Ohne jeden Illusionismus trägt die Stücki ein in dieser Region bisher nicht gekanntes Angebot an Geschäften, Restaurants und Waren mit einer Noblesse vor, die sie aus der industriellen Tradition Kleinhüningens geschöpft hat. Die Architektur der Stücki gewinnt ihre poetische Dimension so nicht aus einer autonomen Ästhetik, die frei platziert ist, sondern aus dem Vertrauen in eine Schönheit und Tiefe des Wirklichen.

Fassaden, Konstruktion, Material

Die Fassaden spiegeln ihr Gegenüber. Im Osten liegt die lange Lochfassade des Hotels und der Büros dem Industrieareal vis-à-vis. Die helle Putzfassade mit ihrer reliefartigen vertikalen Gliederung setzt sich in der Stirnfassade fort und formt eine städtische Kulisse für den Platz auf der ingangsseite im Süden. Die dichte Fassadenbegrünung der Südfassade korrespondiert mit der Baumallee entlang des Flusses Wiese. Das dichte Blütenmeer von Reben, Rosen, Jasmin, Clematis und Lavendel im jahreszeitlichen Wechsel begrüßt die Besucher mit seiner Vielfalt, die das reichhaltige Angebot der Einkaufswelt nach außen abbildet.

Die Südfassade besteht aus zwei Abschnitten, die durch den Eingangsturm voneinander getrennt werden. Sie setzt sich aus Fassadensegmenten zusammen, die horizontal in mehrere Ebenen unterteilt werden. In diesem "Pflanzenregal" wird die Vegetation in Gefäßen kultiviert. Aufrecht wachsende, kletternde und hängende Sträucher bilden ein vielfältiges Pflanzengewebe mit intensiver, lange anhaltender Blühwirkung: eine blühende Wand. Dieses Konzept, das mit Vogt Landschaftsarchitekten entworfen wurde, setzten Fahrni und Breitenfeld Landschaftsarchitekten schließlich um und verfeinerten es.

Auf der Westfassade ersetzt eine Seilbespannung die Tröge und dient als Kletterhilfe für Efeu und Reben, einem Sichtfilter zu den nahe liegenden Wohnbauten. Hinter diesem Schleier liegen auch die stählernen Fluchttreppen und die Glasflächen, die jeweils am Ende der Querverbindungen zwischen den beiden Flaniermeilen seitliches Tageslicht in die Mall bringen. Die Dachfläche, in Felder mit großen runden Lichtkuppeln unterteilt, wurde extensiv begrünt. Verschiedene Substrathöhen und Pflanzen ergeben dabei ein Bild von fast landwirtschaftlichen Dimensionen.

Medien des Stücki Einkaufszentrums (iart interactive)

Die Kunden erwarten von ihrem Einkaufsort heute mehr als die reine Erledigung ihrer Einkäufe: Sie möchten sich wohl fühlen, etwas erleben und dabei geleitet werden. Dazu wurde eine multimediale Gesamtbespielung entwickelt, die das architektonische und kommunikative Konzept inszenatorisch und narrativ vervollständigt.

Das Einkaufserlebnis beginnt schon bei der Annäherung an die Stücki-Türme. Sie sind von der iart interactive ag mit 15 m hohen LED-Displays bestückt worden, die je nach Bedürfnissen der Mall und deren Geschäfte ihr Erscheinungsbild ändern: Es erscheinen Muster, Schriftbotschaften oder Bilder in einer Rasterung von 17 cm × 17 cm mit vertikalen, unterschiedlich breiten Unterbrüchen, die wie das Bild verdeckende Streifen wahrgenommen werden: Nur Teile des Bildes sind sichtbar. Dank der kreativen und ergänzenden Fähigkeit des Gehirns bleibt es dennoch lesbar. Das Gehirn sucht automatisch nach dem kompletten Bild im scheinbar vorhandenen Hintergrund und produziert so genannte Scheinkanten, die das Bild vervollständigen.

Hinterleuchtete Werbetafeln im Eingangsbereich machen auf die Angebote der Geschäfte aufmerksam und reagieren auf die Bewegung der Besucher mit wechselnder Leuchtkraft. Ein dezentes "Lichtspiel" belebt die Wand und lenkt so verstärkt die Aufmerksamkeit auf die Werbebotschaften.

Im Innern der Mall sorgt die Deckenbeleuchtung für funktions- und raumbezogene Gliederung und Fokussierung. Die gesamte Decke ist mit einer zylinderförmigen Rasterung versehen. In bestimmten Bereichen sind mehrere Zylinder mit Leuchtmitteln bestückt, sodass sich entweder Ringe oder kreisförmige Felder bilden, die als Leuchtkörper dienen. Insgesamt kamen 757 Downlights und 21297 LEDs dafür zum Einsatz. Durch die Mischung des kalten Tageslichtweiß der LEDs mit dem wärmeren Neutralweiß der Downlights ergibt sich je nach Blickwinkel eine andere Farbtemperatur bzw. Lichtwirkung: Beim Blick nach oben wirken die mit je einer LED bestückten reflektierenden Zylinder-Elemente wie vom Sonnenlicht angestrahlt. Somit korrespondieren die Leuchtfelder nicht nur formal mit den runden Oberlichtern, die an zentralen Punkten Tageslicht in die Mall lassen, sondern auch der Lichtwirkung nach. Dennoch erscheint die Mall dank dem ausgewogenen Verhältnis von Downlights und Shopbeleuchtung in warmem Licht.

In jedem Teil der Mall erhalten die Besucher Orientierungshilfe und Informationen über statische und digitale Signaletik, die zum Teil durch Farbakzente unterstützt werden: in der Tiefgarage, in den Erschließungsbereichen und entlang der gesamten Wege. Dazu gehören die Wandbeschriftung der Tiefgarage, die über Kopfhöhe angebrachten Ringe mit Piktogrammen und die digitalen Medienstelen zu Informations- und Werbezwecken. Diese sind so entlang der Besucherpfade platziert, dass den Besuchern immer ein Informationsangebot in Sichtweite zur Verfügung steht. Die optimale räumliche Platzierung wurde in einem interaktiven virtuellen 3D-Modell der Mall getestet. Diese Vorgehensweise erwies sich als ideal für den Entwicklungsprozess: Der Raumbezug der Medien konnte berücksichtigt werden, obwohl der Bau noch im Entstehen war. Gestalterische Ideen und Verortungsplanung konnten in der virtuellen Mall geprüft und zielorientiert mit den Auftraggebern und Partnern diskutiert werden.

Die Werbestelen sind beidseitig mit übereinander platzierten hochauflösenden 42-LCD-Bildschirmen bestückt und mit einer angepassten Software ausgestattet, die zusammen eine hohe inhaltliche Flexibilität erlauben. Sie können direkt angesteuert, zentral administriert und in mehreren Ebenen multimedial über beide Bildschirme bespielt werden – wahlweise mit Text, Bild oder Video, die in real time übertragen werden. Bei Bedarf könnten sie auch zur Rhythmisierung des Raums und zu Show-Zwecken genutzt werden, z. B. indem sie eine Farbe annehmen, die sich in Reaktion auf äußere Einflüsse dynamisch verändert. Die Vielfalt an Anwendungen gibt dem Stücki die Möglichkeit, kurzfristig auf neue Bedürfnisse und Ideen zu reagieren.

Bautafel - Einkaufszentrum Stücki, Basel-Kleinhühnigen/Schweiz

Bauherr: Swiss Prime Site AG
Architekt: Diener & Diener Architekten
Licht und Media: iArt Interactive AG
Produktdesign der Medienstelen: zmik designers GmbH
Umgebung: Fahrni und Breitenfeld Landschaftsarchitekten/Vogt Landschaftsarchitekten
Bauingenieur: Burger und Partner Ingenieure AG/Ribi + Blum AG
Fassade: Neuschwander + Morf AG
Heizung, Lüftung, Klima, Kälte: Waldhauser Haustechnik AG/Troxler&Partner AG/Lippuner EMT
Sanitär: Sanplan Ingenieure AG
Elektro: Selmoni Ingenieur AG/Troxler&Partner AG
Mess-, Steuer-, Regel-, Leittechnik: Troxler&Partner AG
Bauphysik: Martinelli + Menti AG

Projektbeschreibung

Raumprogramm: Parking, zwei Verkaufsgeschosse, Büro, Hotel, Restaurant
Tragstruktur: Pfahlfundamente, Stahlbetonskelett, Stahldach
Fassade: Stahlbetonwände, Außenwärmedämmung, Putz, Begrünung
Bruttogeschossfläche BGF: 79300 m²
Gebäudevolumen GV: 585690 m³

Grundmengen nach SIA 416 (1993) SN 504 416

Grundstück: Grundstücksfläche GSF: 46415 m²
Umgebungsfläche UF: 14214 m²
Bearbeitete Umgebungsfläche BUF: 14214 m²
Bruttogeschossfläche BGF: 79300 m²
Ausnützungsziffer AZ: 171

Rauminhalt SIA 116

Gebäudevolumen GV: 583.800 m³
Gebäude Geschosszahl: UG bis 2. OG. Bzw. 6. OG.
Geschossflächen GF: 107589 m²
1.UG: 29955 m²
EG: 30667 m²
1.OG: 3436 m²
2.OG: 30463 m²
3.OG: 2364 m²
4.OG: 2642 m²
5.OG: 2939 m²
6.OG: 2926 m²
Hauptnutzfläche HNF: 46489 m²
Nettogeschossfläche NGF: 102910 m²
Planungsbeginn: 1999
Baubeginn: August 2007
Bezug: September 2009
Bauzeit Monate: 25 Monate

Weiterführende Informationen anfragen

Felder mit einem * müssen ausgefüllt werden, um die Anfrage abschicken zu können.

Bauwerkskategorien

  • Über diese
    Datenseite
  • Product-ID
    4261
  • Erstellt am
    30.04.2012
  • Geändert am
    16.05.2015