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Geplante Freiräume für Offene Konzepte

"Jeder Schüler hat drei Lehrer. Der erste sind die anderen Kinder. Der zweite ist der Lehrer und der dritte ist der Raum." Dieser Leitsatz des deutschen Pädagogen Ulrich Herrmann lässt sich auch auf Klein- und Vorschulkinder, deren Erzieher und die Kindertagesstätten übertragen. Kindertagesstätten stellen heute Architekten und Planer vor besondere Herausforderungen.

Für die Kinder muss zunächst das Bedürfnis nach Schutz und Geborgenheit erfüllt werden. Gleichzeitig soll das Umfeld, in dem sich die Kinder bis zu neun Stunden täglich aufhalten, auch die Neugierde beflügeln und die kindliche Entwicklung hin zu einem selbstbestimmten Menschen unterstützen. Pädagogen und Erzieher stellen noch weitere Anforderungen an Gebäude und Freianlagen: Sicherheit, kurze Wege und übersichtliche Räume, die zugleich vielfältig nutzbar sind. Diese teils widersprüchlichen Anforderungen muss der Architekt beim Erstellen des Raumprogramms abwägen und sie priorisieren.

"Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass die Gebäude besonders gut nutzbar sind, wenn Architekt und Planer bereits während der ersten Planungsschritte gemeinsam mit den Erziehern die Anforderungen formulieren konnten", erläutert Gabriele Church, Niederlassungsleiterin von IPROconsult in Riesa. Denn im Zentrum der Anforderungen steht das individuelle pädagogische Konzept der jeweiligen Kindertageseinrichtung. Hierin ist festgehalten, welche Schwerpunkte die Einrichtung bei der Betreuung der Kinder legen will, welche Aktivitäten angeboten werden, wie die Eltern eingebunden werden sollen und Vieles mehr.

Grundlegender Wandel im Kita-Bau

Früher waren Kita-Bauten deutlich einfacher zu realisieren: Ein Kind war in einer Gruppe untergebracht, die den Tag in einem Raum mit zwei Erzieherinnen verbrachte. Entsprechend wurden die Gebäude geplant: Für jede Gruppe einen Raum, dazu ein Speise- oder Gemeinschaftszimmer, Platz für sportliche Aktivitäten und ein Außenbereich mit Sandkasten und Spielgeräten. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte haben sich die pädagogischen Konzepte jedoch gewandelt: Vielerorts arbeiten die Kitas nach dem Konzept der Offenen Arbeit. Hier erhalten die Kinder Freiraum, um ihren Interessen und Neigungen nachzugehen. Die Erzieher machen Angebote, die von allen Kindern der Einrichtung genutzt werden dürfen – gleichzeitig können die Kinder eigene Aktivitäten anregen oder inszenieren. Ziel ist es, dass Kinder ihren Interessen nachgehen, eigene Erfahrungen machen und vielfältige Bereiche der Bildung erleben. Sie können frei entscheiden, in welchem Raum sie sich wie betätigen möchten. Hierfür muss das Umfeld sicher und gut gestaltet, die Einrichtung ordentlich mit Spiel-, Verbrauchs- und Beschäftigungsmaterialien ausgestattet sein. "Aber nur, wenn man als Erzieher den Kindern Offenheit und Vertrauen entgegen bringt, können die Kinder ihre Persönlichkeit entfalten und eigene Erfahrungen machen", sagt Kathrin Schubert, Leiterin der Kindertageseinrichtung "Elbkinder" in Merschwitz bei Riesa in Sachsen.

Historisches Schulgebäude stellte besondere Anforderungen

In Kenntnis dieses Konzepts plante das Team von IPROconsult in Riesa die Kita "Elbkinder": Das historische Schulgebäude wurde saniert und für eine kindgerechte Nutzung gestaltet. 2012 war die Kita fertiggestellt –seitdem muss sie sich im Alltag beweisen. Beispielsweise das Bistro: Hier wird den Kindern das Essen als Buffet angeboten. Neben der Ausgabeküche liegt die Kinderküche mit einer Küchenzeile in "Kinderhöhe", wo diese selbst gerne kochen und backen. Im Obergeschoss gibt es Themenräume, wie Werkstatt, Atelier, Bewegungsraum, Rollenspielzimmer oder die Kuschelhöhle. Musikzimmer, Kinderbibliothek und Schlafhöhlen liegen im Dachgeschoss. Damit sich die Kinder frei im Haus bewegen können und die Erzieher trotzdem den Überblick behalten, hat jedes Kind eine "Laufkarte" mit einem Foto, die von der Magnetwand am Treppenpodest mitzunehmen und im nächsten Geschoss oder am Ausgang zur Freifläche anzubringen ist. "Raumkonzept, Flächenverteilung und Gestaltung haben sich im Zusammenspiel mit unserem pädagogischen Konzept in den vergangenen zwei Jahren sehr bewährt", betont Leiterin Schubert.

Architektur unterstützt Konzept

"Die Form der Betreuung kann durch die Architektur unterstützt werden", unterstreicht Gabriele Church. "Insbesondere bei Neubauten mit freier Grundrissgestaltung, aber auch bei Bestandsgebäuden können Raum und Gestaltung die Arbeit der Erzieher erleichtern und beflügeln." Da sich die "offene Pädagogik" in vielen Konzepten wie Montessori-Pädagogik oder Regio-Pädagogik wiederfindet, musste sich auch das Kita-Team von IPROconsult mit dem Grundgedanken der Erziehung der Kinder in einem Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmtheit und Gruppenzugehörigkeit auseinandersetzen. Denn hier haben Kinder verschiedene Räume zur Verfügung, in denen sie ihren Interessen nachgehen können, beispielsweise in Kinderatelier, Werkstatt, Raum für Rollenspiele, Raum zum Bauen mit Bausteinen, Bibliothek, Forscherraum oder Snoozle-Raum. Diese Räume sollen außerdem weitere Gruppenaktivitäten ermöglichen, wie gemeinsames Singen. Daher ist die Flexibilität der Grundrisse durch die Verbindung der Räume mit doppelflügeligen Türen und das "zuschalten" von kleineren Räumen an große sinnvoll.

Auch die Multifunktion der Flächen ist wichtig: So kann beispielsweise der Bereich für Garderoben, der ohnehin großzügig sein sollte, damit Eltern und Kinder beim Bringen und Holen zum Aus- und Ankleiden ausreichend Platz haben, in der Zwischenzeit als individueller Spielbereich oder als kleiner Gymnastik- oder Bewegungsbereich genutzt werden.

Krippe stellt eigene Ansprüche

In der Kinderkrippe ist hingegen die Abgrenzung der Bereiche für die Kinder wichtig und eine direkte Zuordnung der Sanitärräume zu den Gruppenräumen sinnvoll. Innenliegende Fenster ermöglichen Blickverbindungen von einem Raum zum anderen. "Auch für die Kindergartenkinder sind Blickbeziehungen nach außen – man denke an das Fenster zum Winken – und zwischen den Räumen wichtig", so Gabriele Church. In Merschwitz wurde eine solche Blickbeziehung beispielsweise mit einem Krabbel- Loch in der Wand zwischen Rollenspiel- und Snoozle- Raum hergestellt.

Auch im Dresdner Stadtteil Weißig arbeiten die Erzieher mit den Stärken der Kinder und versuchen nicht, gegen die Schwächen anzukämpfen. Den Kinderbetreuern kamen bei ihrer konzeptionellen Arbeit viele Details sehr gelegen, die die Architekten beim Neubau kreiert hatten: Ein offenes Gebäude mit großen Fenstern und vielen nutzbaren Freiflächen, beispielsweise auf den Fluren und im Garderobenbereich. "Leider waren Träger und Team bei der Planung noch nicht bekannt, wir konnten aber mit unserer Erfahrung im Kita-Bau viele Ideen einbringen, die dem Erziehungskonzept des Teams entsprechen", betont Gabriele Church.

Spagat zwischen Einblick und Rückzugsraum

Das Offene Konzept stellt viele Anforderungen an Architekten und Planer: Da sich die kleinen Nutzer frei im Gebäude bewegen können, müssen beispielsweise alle Bereiche für die Betreuer möglichst gut einsehbar sein. Dabei helfen Sichtschlitze in Türen, Bullaugen und Durchbrüche in Wänden. Auch die Außenanlagen sollten möglichst von einem Betreuer komplett zu überblicken sein. Sichtbeziehungen zwischen Außen und Innen sowie zwischen Räumen gehören zum pädagogischen Konzept. Ecken, Winkel und Rundungen in Gruppenräumen sind hingegen erwünscht, um Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Diesen Spagat zu schaffen zwischen gutem Einblick und Rückzugsorten ist eine Herausforderung, der sich Architekten und Planer bei Kinderbetreuungseinrichtungen stellen müssen. "Deshalb sollte die Planung immer auf der Grundlage des pädagogischen Konzepts und Hand in Hand mit dem Nutzer erfolgen", unterstreicht Gabriele Church.

In Merschwitz bei den "Elbkindern" hat das optimal geklappt: Die Architekten und Planer kannten die Anforderungen, die sich aus dem Offenen Konzept ergeben, sie mussten jedoch diesen Ansatz in einem historischen Gebäude umsetzen. "Dank unseres guten Gespürs für die historische Bausubstanz, dem sensiblen Einfühlen in die Belange eines offenen Kinderhauses und dem Wissen um die gesetzlichen Rahmenbedingungen und Verordnungen war es für uns ein spannendes Projekt", betont die Architektin. "Mit Fachwissen, Erfahrung und viel Kreativität haben wir die Aufgabe in Merschwitz bewältigt – und auch in Weißig konnten wir die Kita so gestalten, dass den Nutzern viele Gestaltungsfreiräume bleiben."

Platz für Kinderwagen

In einer frühen Planungsphase sollte auch das angestrebte Prozedere beim Bringen und Abholen der Kinder mit den Erziehern diskutiert werden. Der Kinderwagenraum sollte im Bereich des Eingangs liegen und wenn möglich beheizbar sein. Seine Größe ist der örtlichen Situation anzupassen: In innerstädtischen Kitas werden die Kinder zu Fuß mit Kinderwagen gebracht. Hier kann häufig das Platzangebot nicht groß genug sein. In ländlichen Kommunen hingegen müssen die Kinder auf Grund der Größe des Einzugsgebiets häufig mit dem Auto gebracht werden, was zu einer Reduktion des Platzbedarfs führt. Ob die Garderoben zentral in der Nähe des Eingangs untergebracht sind, damit feuchte, verschmutzte Kleidung nicht durch das Gebäude getragen wird, oder dezentral den Aufenthaltsräumen zugeordnet sind, hängt von den Gepflogenheiten der Erzieher ab. "Beides bietet Vor- und Nachteile, die jedoch mit dem Nutzer diskutiert werden sollten", sagt Gabriele Church.

Aufgrund der vielfältigen Aktivitäten und flexibler Nutzung ist bei der Ausstattung der Räume besonders auf die Raumakustik zu achten: "Erzieher berichten häufig, dass sich der Geräuschpegel in den Räumen hochschaukelt", so die IPROconsult-Niederlassungsleiterin. Textile Bodenbeläge, Wandbehänge, Deckensegel und Akustikdecken schlucken den Schall und wirken positiv auf die Atmosphäre im Raum. Dazu trägt auch das Farbkonzept bei: Innenarchitektur und die Ausstattungsplanung sollten in der Gestaltung und bei der Farbgebung der Räume den Erziehern Freiräume für eigene Ideen und wechselnde Themen lassen. "Die Nachhaltigkeit des Gebäudes kann nicht nur am schonenden Umgang mit Ressourcen, sondern auch an der Wandelbarkeit der Räume gemessen werden", betont Gabriele Church. "Die Architektur einer Kita sollte immer flexibel und auf neue Konzepte und Impulse anzupassen sein."

Autor: Dominik Schilling

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  • Erstellt am
    18.09.2014
  • Geändert am
    30.01.2016