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Zwischen Denkmalschutz und Moderne: für alle Fälle "flüssig"

Abdichtungen mit Flüssigkunststoffen sind neben Bitumen und Kunststofffolien die dritte Technologie, die sich auf dem flachen Dach durchgesetzt hat. Durch die Verarbeitung in flüssiger Form eignet sich das Material besonders für Dächer mit vielen Aufbauten, Anschlüssen und Durchdringungen sowie komplizierter Oberflächengeometrie.

Die erste vliesarmierte Flüssigabdichtung kam Mitte der 1960er Jahre auf den Markt. In den vergangenen Jahren haben deutsche Produkte sich international stark verbreitet und werden universell eingesetzt - bei der Sanierung exklusiver Objekte ebenso wie in der Denkmalpflege. In Ungarn gewannen zwei architektonisch herausragende Gebäude mit ganz unterschiedlicher Abdichtungsproblematik den vom ungarischen Dachdeckerverband EMSZ ausgelobten Wettbewerb "Roof oft the Year" in der Kategorie Flüssigabdichtung. Beide Projekte - The Whale und das Hotel Gellért - zeigen exemplarisch die speziellen Vorteile flüssig zu verarbeitender Abdichtungen.

Rettung für den Wal – undichte Metallhülle

Der "Wal" ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie die Identität anspruchsvoller moderner Architektur durch aktuelles Dachdecker-Know-how bewahrt werden kann. Eine sichere und kostengünstige Alternative zur Flüssigabdichtung gab es in diesem Fall nicht. 1992 beauftragte ein internationaler Bank- und Versicherungskonzern Prof. Erick van Egeraat mit dem Umbau eines historischen Gebäudes im Zentrum von Budapest. Das repräsentative, vierstöckige Neorenaissance-Gebäude aus dem Jahr 1882 wurde einerseits gewissenhaft restauriert und andererseits durch moderne Architekturelemente kreativ erweitert. Die Kreation ist eine eigenwillige Synthese moderner klarer Strukturen mit intuitiv organischen Formen, ein Stil, den van Egeraat selbst mit "Moderner Barock" umschreibt.

Seine organische Idee symbolisiert in besonderem Maße der auf das gläserne Dach gesetzte Konferenzraum, ein geschwungener, von einer Außenhaut aus Zink umhüllter Aufbau. Er wirkt wie ein schwimmender Wal, eine Assoziation, die der Spitzname "The Whale" manifestiert. Hoch über dem Hof auftauchend, durchbricht er die glatte Weite des transparenten Klimadaches. Obwohl er nirgendwo im restaurierten Originalgebäude voll sichtbar ist, ist seine Präsenz überall offensichtlich. 2009/2010 - 15 Jahren nach der Fertigstellung - erforderten Feuchtigkeitsschäden im Innenraum eine komplette Abdichtung der 450 m² großen Gebäudehülle aus Zink. Eine dauerelastische Flüssigabdichtung ist hier in der Lage, die markante Optik der organisch geformten Konstruktion nachzubilden, ohne den Metallcharakter zu zerstören, einen funktionssicheren Anschluss zur Glaskonstruktion herzustellen und unterschiedliche Materialausdehnungen langzeitsicher aufzunehmen.

Achtung Untergrund
Eine wesentliche Bedingung für eine langzeitsicher funktionsfähige Abdichtung ist die richtige Untergrundvorbehandlung. Hier war wegen unterschiedlicher Untergründe eine besondere Vorbehandlung erforderlich. Die Gebäudehülle besteht aus Metall. Diese Oberflächen müssen entfettet, angeraut und gegebenenfalls entrostet werden. Dann kann die lösemittelfreie Kemperol 2K-PUR-Abdichtung direkt ohne Grundierung verarbeitet werden. Der geruchsneutrale Flüssigkunststoff modelliert die vorhandene Oberflächengeometrie passgenau und haftet nach der Aushärtung vollflächig auf dem Zinkblech. Sämtliche Falze sowie alle Anschlüsse und Zwischenräume sind naht- und fugenlos in die homogene Abdichtung integriert.
Besonderes Augenmerk lag im Anschlußbereich zur Glaskonstruktion. Die Anbindung erfolgte an ein Plexiglas-/Glasdach. Vor allem in den Sommermonaten dehnen sich Metall und Glas unterschiedlich aus. Um eine dauerhafte Verbindung herzustellen, muss die Abdichtung die Bewegungen dauerelastisch aufnehmen. Nach der Entfernung aller Fette und störenden Substanzen wurde das Plexiglas angeschliffen. Im Anschluss brachte man eine Grundierung auf, die mit Naturquarz abgesandet wurde, bevor der Flüssigkunststoff mit Vliesarmierung zum Einsatz kam.

Laut Fachregel muss die Vlieseinlage der Flüssigabdichtung mind. 110 g/m² dick sein. Im Fall des Objektes "The Whale" wurde mit einem 165-g/m²-Vlies gearbeitet, um eine Schichtdicke > 2 mm zu erreichen. Dies war wichtig, um die unterschiedliche Ausdehnung der Materialien aufzunehmen. Das Vlies in der Flüssigabdichtung hat folgende Aufgaben:

  • Sicherstellen der Schichtdicke
  • Erhöhung der Reißfestigkeit
  • Rissüberbrückung gewährleisten
  • Beschränkung der Dehnung.

Taupunkt beachten
Wie in den einschlägigen Regelwerken (siehe Regel für Abdichtungen/Flachdachrichtlinie) sowie in den Verarbeitungsrichtlinien der Hersteller beschrieben, sollen Abdichtungen – hergestellt aus Flüssigkunststoffen – vollflächig auf dem Untergrund haften. Dies wird erreicht durch die entsprechende Vorbehandlung und Vorbereitung des abzudichtenden Untergrundes. Diese Maßnahmen sind z. B. das Strahlen einer zu grundierenden Betonoberfläche und das Trocknen einer Oberfläche. Diese Maßnahmen sind jedem, der sich mit der Abdichtung von Bauwerken beschäftigt, bekannt und geläufig.
Weniger bekannt, aber nicht minder wichtig, sind Zusammenhänge, die, bedingt durch Kondensatbildung an der zu bearbeitenden Oberfläche, dazu führen, dass eine Haftung verhindert wird. Diese Kondensatbildung tritt bei Oberflächentemperaturen unterhalb des Taupunktes auf. Hierbei ist der Taupunkt die Oberflächentemperatur, bei der sich das in der Umgebungsluft enthaltende Wasser an einer Oberfläche niederschlägt. Dieses Wasser bildet einen Trennfilm und die Bedingung "vollflächig haftend" wird nicht mehr erfüllt. Deshalb ist vor allem in den kälteren Jahreszeiten bei der Verarbeitung unbedingt der Taupunkt zu beachten. Aus Sicherheitsgründen sollte bei der Ausführung von Abdichtungsarbeiten die Oberflächentemperatur an der zu bearbeitenden Oberfläche 3 K über dem Taupunkt liegen. Laut Regelwerk und Herstellerrichtlinien muss die Temperatur bei der Verarbeitung mindesten + 5°C betragen. Eine Einhausung des Objektes im Frühling und im Herbst wird empfohlen, so dass auch bei schlechter Witterung gearbeitet werden kann.

Hotel Gellért - ungarischer Jugendstil

Wer sich ein typisches Grand Hotel vorstellt, hat automatisch ein Bild aus der Belle Epoque, der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, vor Augen. Elegante, luxuriöse Räume, repräsentative Empfangs- und großzügig geschnittene Aufenthaltsräume, ein Ambiente, das mehr als nur einen Hauch Luxus ausstrahlt. Im Budapest gehört das Danubius Hotel Gellért mit dem angeschlossenen Gellért-Thermalbad zu diesen traditionsreichen Häusern, die überlebt haben und sich heute einer Renaissance erfreuen. Das 1918 am Fuß des Gellért-Berges eröffnete Hotel wurde ganz im Stil des ungarischen Jugendstils erbaut.

Elastisch muß es sein

Fast ein Jahrhundert später, im Herbst 2008/2009, stand die Fassade des unter Denkmalschutz stehenden Kurhotels Gellért zur Sanierung an. Die Steinkuppeln des Gebäudes wurden mit einer lösemittelfreien Flüssigabdichtung langzeitsicher abgedichtet und saniert. Eine Expertise hatte festgestellt, dass auf der Kunststeinoberfläche ungeordnete Risse von unterschiedlicher Spaltbreite zu sehen waren. Dadurch war an mehreren Stellen Wasser eingedrungen und hatte die innere Schale durchnässt. Die Ausschreibung verlangte ein elastisches Material. Zugunsten der Flüssigabdichtung sprachen u. a. folgende Eigenschaften:

  • dauerhaft elastisch und flexibel von – 30°C bis + 90°C
  • reißfest und rissüberbrückend
  • mechanisch belastbar
  • wasserdampfdiffusionsfähig
  • sichere Lösung für Detailabdichtungen.

Kuppeln und Spitzen

Die ungarischen Dachdecker dichteten mehrere Kuppeln sowie 16 Spitzenverzierungen flüssig ab, insgesamt 670 m². Das Zuschneiden der für den oberen glatten Teil der Kuppeln erforderlichen großflächigen Vliese erfolgte beim Verarbeiter, da an der Hotelfassade auf schmalen Gerüsten gearbeitet wurde. In diesem beengtem Umfeld wurde nur das Vlies für die stark gegliederten Flächen mit halbkugelförmigen und ovalen Verzierungen sowie für enge senkrechte Rippen zugeschnitten.
Um den originalen Steincharakter zu erhalten, wurde die feuchte Oberfläche mit Naturquarz mit der Sieblinie 0,4-0,8 mm abgestreut. Dies ist auf waagerechten Flächen kein Problem, bei gekrümmten und senkrechten Kuppelflächen allerdings eine Herausforderung. Kreativ nutzten die Verarbeiter eine Putzstreupistole, die mit Sand gefüllt wurde, welcher mit Hilfe eines Kompressors auf die Fläche "geschossen" wurde.
Für die Abdichtung stand nur ein kleines Zeitfenster von wenigen Wochen zur Verfügung. Alle Arbeiten wurden innerhalb des vorgegebenen Zeitrahmens erfolgreich abgeschlossen. Die Kuppeln sind "dicht", ohne dass das denkmalgeschützte Erscheinungsbild Schaden genommen hat. Das Danubius Hotel Gellért ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie moderne Baustoffe klug eingesetzt auch in der Denkmalpflege ihre Vorteile haben.

Fazit

Flüssigabdichtungen stellen ihre Leistungsfähigkeit mittlerweise seit mehreren Jahrzehnten unter Beweis und kommen sowohl bei Neubauten wie bei Sanierungen und im Denkmalschutz zum Einsatz. "Flüssige" Detaileinbindungen sind im Vergleich zu konventionellen Produkten technisch einfacher. Das Material haftet vollflächig auf dem Untergrund, deshalb ist auch bei punktuellen Verletzungen Unterläufigkeit ausgeschlossen. Da es keine Nähte in der Abdichtung gibt, verringert sich die Schadensträchtigkeit. Schwachpunkte wie Anschlüsse und Durchdringungen halten länger dicht. Flüssigabdichtungen passen sich jeder Form an und haften auf nahezu allen Untergründen.

Dirk Nicklas, Leiter Technik und Internationales Projektmanagement bei Kemper System, Vellmar

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  • Erstellt am
    30.04.2012
  • Geändert am
    01.03.2016